Klare Sicht im Nebelwald

Neulich war ich im Nebelwald Kaffee trinken. Und ich habe etwas ausprobiert. Das Experiment zeigt: Schiefes Holz hat Struktur.

Eine Kolumne von Mareike Miesen

Eine schiefe Holztheke auf wackeligen Beinen. Darauf ein Tisch, kopfüber, reparaturbedürftig. Es wird geschraubt, als ließe sich Instabilität festdrehen. Am Ende soll der Tisch nicht nur gerade stehen. Er soll tragen.

Er setzt an. Zielsicher, ohne zu zögern. Sein Arm balanciert den Akkuschrauber über dem Kopf, während ein Zweiter bestätigend die Wasserwaage mustert, in der die Blase ihren Tanz vollzieht. Ein kleiner Junge lernt schon früh – und hält den Stecker im System.

Ein weiterer Schrei des gefolterten Werkzeugs. Dann gemeinschaftliches Nicken. Der Tisch wird auf den Boden gestellt. Ich höre die Wasserwaage bis hierhin lachen.

Drei nervöse Augenpaare huschen von schiefem Holz zu der sich nähernden Frau. Fachsimpeln ist jetzt die beste Strategie. Ich stehe ganz ruhig neben ihnen, den Kaffee in der Hand. Beobachte. Einer der beiden deutet auf die Wasserwaage. „Schief“, erklärt er mir das Offensichtliche. Ich lächle – wie so oft.

Ich entschließe mich, etwas zu sagen. Ihnen die unerfreuliche Tatsache mitzuteilen: dass sich der Tisch nur auf solidem Boden reparieren lässt. Nicht für sie, sondern für mich.

Die Folge: Sie lachen. Ich zittere. Der Tisch bleibt schief.

Und ich frage mich jetzt, etwas lauter: Warum darf ein Problem folgenlos gesehen werden?

Veränderung bleibt verhandelbar. Wer das Werkzeug in der Hand hält, entscheidet die Richtung. Indem man die Wasserwaage gekonnt ignoriert, bleibt zumindest das Ego im Lot. Wenn man nur fest genug weiterschraubt, zieht sich der Schraubkopf schon ein. Am Ende bleibt alles, wie es ist – und genau das scheint der Plan zu sein.

Ein wackeliger Tisch im Nebelwald hat keine Konsequenzen. Während uns der verschüttete Kaffee über den Schoß läuft, bleibt auf der anderen Seite alles erstaunlich sauber.

Wenn das Offensichtliche gesehen, aber ignoriert wird – warum wundern wir uns dann, dass die Welt schief steht?

Bis zum nächsten Augenzwinkern.

Mareike

Über die Autorin

Mareike Miesen schreibt über das, was andere nur spüren: bunte Abenteuer, leise Fragen und die unentdeckten Ecken der Welt – und des Lebens. Persönlich, unkonventionell und immer ein bisschen anders.

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Kolumne: Ein bisschen Welt

Gedanken aus dem Unterwegssein – mit einem Augenzwinkern.

Die Welt zeigt sich oft in kleinen Momenten: in unerwarteten Begegnungen, schrägen Beobachtungen und Gedanken, die unterwegs entstehen. Ein bisschen Welt sammelt Gedankenkonfetti, leise Ironie und bunte Perspektiven – zum Schmunzeln, Kopfnicken und Weiterdenken.

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